Spielend sprechen lernen

INTEGRATION – Ferienprojekt für Flüchtlingskinder im Hohbuch: Wie aus Tohuwabohu Theater wird. Heute zwei Aufführungen bei der LAG in der Heppstraße 

VON MARTIN BERNKLAU

REUTLINGEN. Heute ist Suraj ein König. Auch der achtjährige Junge aus Rumänien hat seine Rolle und seine Sprache gefunden dort droben beim »Dialog«-Verein unterm Dach der alten Hohbuch-Kaserne. Hier proben 53 Migrantenkinder in der vierten Auflage von »Spielend sprechen« dieses Jahr eine frische und freche Geschichte von Erich Kästner als Theaterstück. Am heutigen Samstag ist Premiere.

Neun Nationen, neun Sprachen, neun Kulturen: 53 Migrantenkinder machen gemeinsam Theater. FOTO: BERNKLAU

Nur scheinbar herrscht da Chaos. Schon der »erste Rumpel-Durchlauf«, wie Theaterpädagoge Volker Schubert das nach einer Pfingstferien-Woche Arbeit mit den Kindern nennt, klappt schon fast wie am Schnürchen. Neun Nationen, Sprachen, Kulturen? Kein Problem. Viele Mädchen – deutlich weniger Jungs – zwischen acht und zwölf Jahren? Kein Problem. Video-Bühnenbild bedienen und Rollenspiel im schwarz-weißen Sombrero? Kein Problem für die neunjährigen Shahan und Noyan, die top-fitten Technik-Freaks. Bei allem Gewusel und Tohuwabohu: Sie sind ausnahmslos mit mehr als nur Eifer und Begeisterung bei der Sache, hellwach und aufmerksam, wenn nötig auch diszipliniert wie eine straffe Kompanie. Strenge oder laute Kommandos braucht es nicht. 

Auch das ganze Projekt scheint zunächst etwas unübersichtlich. Mit Monika Hunze von der Reutlinger Landesarbeitsgemeinschaft Theaterpädagogik und der »Dialog«-Geschäftsführerin Galina Lerner, die als russland-deutsche Spätaussiedlerin und Mutter dieses Reutlinger Selbsthilfeprojekt 1999 mit anschob, sind aber die organisatorischen Zentralfiguren benannt. Berlin fördert eine der beiden parallelen Ferien-Theatergruppen unter dem Label »Kultur macht stark«, das die Bundes-Bildungsministerin Johanna Wanka als Schavan-Nachfolgerin weitergeführt hat. Für die andere sind die Stadt Reutlingen mit der Migrations-Beauftragten Sultan Braun und die Wohnungsbaugesellschaft GWG die Sponsoren. Die Hohbuchschule ist seit drei Jahren bewährter Partner. 

Die Regisseure Ulrike Tilke und Volker Schubert müssen direkt an der quirligen Kinder-Front eigentlich überhaupt nicht kämpfen, wobei ihnen nicht nur ihre tolle Truppe entgegenkommt, sondern auch viel Erfahrung hilft. Schubert zum Beispiel hat auch schon einige Male maßgeblich die Regie-Arbeit für das gleichartige Tübinger Pfingst-Camp »Stadt der Kinder« geschmissen, das dieses Jahr pausiert. Acht weitere Pädagoginnen, Regieassistenten und Betreuer machen die Teams komplett. 

Nach einer Kästner-Vorlage

Das Stück, das die 53 Kinder da in zwei eigenen Varianten mit den Regie-Dramaturgen Schubert und Tilke entwickelt haben, beruht auf einer weniger bekannten Vorlage Erich Kästners, der mit seinem Detektiv Emil und dem Fliegenden Klassenzimmer gleich nach Astrid Lindgren zu den ganz großen Klassikern der Kinderliteratur zählt. 

Seine Geschichte vom »35. Mai oder Konrad reitet in die Südsee« hat mit ihren Traumorten schon auch ein bisschen was von Pippi Langstrumpf, auch des Pferdes wegen. Kästner ist mit seinen Figuren trotzdem immer ganz nah am Leben von Kindern. 

Den Konrad gibt die zwölfjährige Anna ganz cool. Inna, zwei Jahre jünger, die eine Putzfrau darstellt (»Immer dieser Dreck!«) als an allen Schauplätzen wiederkehrende Begleitfigur, hat den Running Gag schon bei diesem ersten szenischen Durchlauf voll erfasst. Zu Kästners Schlaf-Land durften sich die Kinder ein Shopping-Land, ein Elektronik-Land und ein Party-Land zusätzlich ausdenken, Long Boards bauen und damit über die Bühne düsen. Und beim Party-Land ist dann schon vom ersten Auftritt an Halligalli. Die achtjährige Fatima, deren Eltern aus Ghana kommen, kann nicht nur eine strenge Lehrerin vor Konrads Klasse spielen, sie führt auch umwerfend elegant wie ein Cheerleader die Tanztruppe an. 

»Von fast null bis perfekt«, so sagt die Organisatorin Galina Lerner, reicht die (deutsche) Sprachkompetenz dieser Kinder. Suraj, der Schlafland-König im stolzen Hermelin-Umhang, sagt seine paar Sätze in schöner Klarheit. Er brachte nur ganz wenige Deutschkenntnisse mit in das Pfingst-Camp »Spielend sprechen«.

Etwas sacht und leise ist sein Auftritt noch. Volker Schubert sagt ihm das. »Aber das kriegen wir noch hin morgen.« Suraj hat alles verstanden. Ganz kurz scheint ihn die Kritik ein wenig traurig zu machen. Aber dann lächelt er und darf wieder ganz König sein. 

Die beiden Aufführungen von Erich Kästners »35. Mai« der zwei Theater-Gruppen sind am heutigen Samstag, 6. Juni, um 11 Uhr und um 15 Uhr auf der Bühne der LAG-Theaterpädagogik in der Reutlinger Heppstraße 99/1. Wiederholungen gibt es später in der Aula der Hohbuchschule und beim »Dialog«-Sommerfest in der Betzinger Julius-Kemmler-Halle.

Quelle: GEA