Theater direkt: Hallo, hier spricht das Hirschgeweih

VON HEIKE KRÜGER

REUTLINGEN. Ein Happy End ist Pflicht. In diesem Punkt sind sich alle einig. Und nicht nur in diesem, sondern auch darin, dass Gewaltexzessen keine Bühne geboten werden soll, dass der Humor nicht zu kurz kommen darf und ein Minimum an Realismus gewahrt bleiben muss. Alle – das sind fünfzig Kinder, die beim Pfingstferienprojekt »Spielend Sprechen« von LAG Theaterpädagogik und dem Reutlinger Kultur- und Bildungsverein »Dialog« mitmischen. Manche zum wiederholten Male. Doch auch jene Akteure, die schon erste Schauspielerfahrungen gesammelt haben, erwartet heuer Ungewohntes: Theater direkt.

Da kommt Spielfreude auf: Kinder zwischen acht und zwölf Jahren entwickeln unter professioneller Anleitung Theaterszenen. GEA-FOTO: PACHER

Hierbei handelt es sich um eine Methodik der Bühnenkunst, die auf maximale Freiheit setzt. Man könnte sie als Stand-up-Performance umschreiben, als Ausdruck kollektiver Kreativität, die der Fantasie Flügel verleiht und einige der kleinen Laien-Darsteller förmlich über sich hinauswachsen lässt. Etwa Nadja und Alexander, die als Polizistin und Räuber zu überzeugen versuchen. Und zwar gänzlich ohne Kostüme, Schminke und Requisiten, also unter striktem Verzicht auf jedwede Hilfsmittel. 

»Ich bin der böse Wolf. Ich will Kinder fressen!«

Klingt schwierig, ist aber machbar. Jedenfalls dann, wenn man den passenden Kniff kennt. In diesem Falle ist’s eine in die Spielszene integrierte Interviewerin, die dafür sorgt, dass Nadja und Alexander für den Zuschauer als das zu identifizieren sind, was sie verkörpern sollen und wollen. 

Die »Reporterin« stellt Fragen, die Darsteller antworten – verbal und gestisch. So auch Nikolai, der in die Rolle eines Hundes schlüpft, Alena, die den Papagei mimt und Mila, die als Kätzchen ihren Auftritt hat. Andere Kinder geben sich in knappen Statements als Bäume zu erkennen, als Fahrrad und Hexenbesen. Ja, sogar ein »Gutschein vom Dönerparadies« tritt ins Rampenlicht. Nicht zu vergessen: waidmännische Zimmer-Dekoration. Diese ist zehn Jahre alt, besucht normalerweise die Hohbuchschule und verblüfft ihr Publikum mit der staubtrockenen Feststellung: »Ich bin das Hirschgeweih«. 

Nichts, so scheint es, ist unmöglich, alles erlaubt und vieles zum Kringeln komisch. Beispielsweise der so durch und durch sympathisch, ja nachgerade harmlos ausschauende Junge, der sich als »böser Wolf« outet. »Was willst du machen?«, fragt ihn die Reporterin. »Na was wohl?«, kontert der Bub in zunächst schnoddrigem Tonfall, um sodann einen Hauch Dramatik in seine Stimme zu legen: »Ich will Kinder fressen!« 

Es ist eine in vielerlei Hinsicht bunt zusammengewürfelte Truppe, die dieser Tage im Obergeschoss der ehemaligen Ypern-Kaserne Bühnenluft schnuppert. »Aus mindestens zehn Nationen«, sagt Galina Lerner vom Verein Dialog, »kommen die Kinder«. Flüchtlinge sind dabei, Ur-Schwaben und Nei’gschmeckte, Mädchen, die ihre familiären Wurzeln in Afrika haben und Jungen, deren Eltern aus dem arabischsprachigen Raum stammen. 

Was sie eint, ist die Freude am experimentellen Theater und die Lust, in unterschiedlichste Rollen zu schlüpfen. Professionell angeleitet werden sie von den beiden Theaterpädagogen Volker Schubert und Ulrike Tilke sowie von Schauspielstudenten aus Stuttgart und theaterpädagogisch beschlagenen Mitgliedern des Dialog-Vereins, die mit dem Konzept »Theater direkt« ebenfalls Neuland betreten. 

Vier Mal schon haben sie seit 2012 und stets in Kooperation mit der LAG das Projekt »Spielend Sprechen« gestemmt. Bislang allerdings auf eher konventionelle Art. Heißt: Es gab eine Textvorlage, ein zuvor ausgewähltes Stück, das mit den Kindern einstudiert und zur Bühnenreife gebracht wurde. Ganz anders die aktuell fünfte Auflage des Ferienangebots, bei der inhaltlich nichts festgezurrt, der Plot mithin ständig im Fluss ist. 

»Die jungen Teilnehmer stammen aus mindestens zehn Nationen«

Doch gerade das macht für Theaterschaffer und Kinder den besonderen Reiz am gemeinsamen Tun aus. Dass die jungen Nachwuchs-Schauspieler ganz nebenbei ihre Sprech- und Sprachkompetenz optimieren, Erzähltechniken kennenlernen sowie Selbstbewusstsein auf- und Teamfähigkeit ausbauen – ihnen selbst fällt das gar nicht auf. Und doch ist dieser Lerneffekt erklärtes Ziel von »Spielend Sprechen« und hat in der Vergangenheit dafür gesorgt, dass das Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wurde. 

Diese befristete Finanz-Quelle ist jedoch inzwischen versiegt. Dass der ebenso sinnvolle wie vergnügliche Ferienspaß gleichwohl in eine neue Runde gehen konnte – Stadt Reutlingen und GWG-Wohnungsgesellschaft machen’s dank großzügiger Zuwendungen möglich. »Dafür sind wir beiden sehr dankbar«, betont Monika Hunze von der LAG-Geschäftsführung, die den monetären Aufwand für »Spielend Sprechen« mit rund 20 000 Euro beziffert. 

Wobei die Eltern der Teilnehmer – im Gegensatz zu früher – neuerdings ihr Scherflein beitragen müssen. Mit sechzig Euro ist dabei, wer sein Kind anmeldet. Im Gegenzug gibt’s ein Rundum-sorglos-Paket, das sowohl die theaterpädagogische Begleitung als auch die Verköstigung und Pausenbetreuung der Kids umfasst. Und zwar für die Dauer von zehn Tagen. 

Und am elften Tag? … ist Showtime angesagt. Dann zeigen die Mädchen und Jungen vor Publikum, was sie erarbeitet haben. Diesmal hebt sich der Vorhang zur öffentlichen Aufführung am Samstag, 28. Mai, im Domizil der LAG-Theaterpädagogik, Heppstraße 99/1. Zwei Vorstellungstermine sind anberaumt: für 11 und 15 Uhr.

Quelle: GEA