THEATERPROJEKT – Freundschaft in Szene gesetzt

Annähern, ertasten, kennenlernen: Die Ferienkinder setzen das Entstehen von Freundschaften in Szene. © Foto: Evelyn Rupprecht

Reutlingen / Von Evelyn Rupprecht 31.05.2018

Freundschaft in Szene gesetzt

Was ist eine eklige Krankheit? Fußpilz vielleicht. Oder eine Hautentzündung? Schon besser. „Die nehmen wir“, erklärt Ulrike Tilke – und schon geht’s los mit der ersten Szene. Die nachmittägliche Probe beim Theater-Ferien-Projekt „Spielend sprechen“ kann beginnen. „Ich heiße Nina, bin elf Jahre alt und habe eine Hautkrankheit“, stellt sich die Neue in der Klasse ihren Mitschülern vor. „Igitt“ tönt es aus den hinteren Reihen. Nur Ninas Nebensitzerin hat kein Problem mit ihr. Und als von hinten Papierbällchen auf die Neue fliegen und die anderen sich über ihre Krankheit auslassen, da steht sie Nina zur Seite und verteidigt sie. Ja, sie lädt sie sogar zu ihrer Geburtstagsfeier ein.

Es ist der Beginn einer Freundschaft, den die acht- bis zwölfjährigen Kinder theaterspielend aufarbeiten. Und es ist zugleich das zentrale Thema des Ferienprojekts am Integrations- und Bildungszentrum Dialog e.V. in der Reutlinger Ringelbachstraße. Freundschaft  – darum geht es zehn Tage lang bei dem Ferienprogramm, das heuer bereits zum siebten Mal über die Bühne geht und einer Kooperation von Dialog e.V. und der Landesarbeitsgemeinschaft Theater-Pädagogik  sowie der finanziellen Unterstützung durch die Stadt, die 13 200 Euro zuschießt, und einer Spende der GWG in Höhe von 4000 Euro zu verdanken ist. Warum die GWG das Projekt fördert? „Weil viele der Kinder, die hierher kommen, in deren Wohnungen leben“, weiß Galina Lerner von Dialog e.V.

35 Jungen und Mädchen sind in diesem Jahr mit von der Partie. „Wobei eigentlich bis zu 50 mitmachen könnten“, erklärt Monika Hunze vom Kooperationspartner, der LAG Theaterpädagogik. Doch höheren Teilnehmerzahlen steht derzeit der Ramadan im Weg. Wenn der islamische Fastenmonat parallel zu den Theater-Ferien verläuft, dann melden weit weniger Eltern ihre Kinder an. „Schlicht, weil der Familienalltag verändert ist“, wissen Lerner und Hunze. Für Projekte wie das bei Dialog e.V. bleibt dann kaum noch Zeit. Dabei sind es gerade die Kinder aus Migranten-Familien, die nicht so gut Deutsch sprechen, die die Pädagogen im Blick haben. Sie sollen die Sprache spielend lernen, gleichzeitig in den Ferien gut untergebracht und auch noch kreativ unterwegs sein. Was sie momentan nicht nur in der Theater-Gruppe bei Ulrike Tilke sind, sondern auch beim Schattentheater-Workshop mit Volker Schubert und in der Musikgruppe bei Julia Lerner. „Die Kinder können erst reinschnuppern und dann selbst entscheiden, bei welcher Gruppe sie mitmachen möchten“, erklärt Monika Hunze das Konzept des zweiwöchigen Projekts, das nicht nur zehn erwachsene Pädagogen, sondern auch sechs Jugendliche, die einst selbst beim Ferien-Theater mitgespielt haben, betreuen. Ein warmes Mittagessen und Zeit zum Spielen runden die Tage ab, an denen die Sprachförderung wie von Zauberhand von selbst ins Tun einfließt und an denen das Thema Freundschaft derzeit intensiv aufgearbeitet wird.

„Ich habe 100 Freunde“, sagt einer der Jungs bei der Vorstellungsrunde. „Ich habe 70 Freunde, aber nur drei davon sind wirklich gute Freunde“, meint ein anderer. „Und ich habe nur eine Freundin, die ist aber so richtig, richtig toll“, erklärt eine Zehnjährige. So verschieden die Kinder sind, die bei dem Projekt mitmachen,  so sehr sind sie auch daran interessiert, gemeinsam eine Art selbst gebasteltes Theaterstück auf die Beine zu stellen, in dem es um Annäherung und Kennenlernen, Respekt und Vertrauen geht.

Aufführen werden die Kinder all das am Samstag, 2. Juni, von 11 Uhr an in den Dialog-Räumen in der Ringelbachstraße 195. Alle drei Gruppen werden ihre Stücke mehrfach zeigen, damit ihre Familien, Freunde und andere Besucher sich wie bei einer Theater-Wanderung alles nacheinander anschauen können. Ein Ereignis, das Galina Lerner und Monika Hunze mit Spannung erwarten. Zumal das Projekt, das sie seit 2012 Jahr für Jahr zusammen stemmen, sie einander nähergebracht hat. Das Thema Freundschaft bewegt auch die beiden. „Ich denke“, sagt Monika Hunze, „man kann sagen, dass Galina und ich durch das Projekt Freundinnen geworden sind.“

Was bedeutet Freundschaft für die Ferien-Kinder?
Margerita (zwölf Jahre alt): Freundschaft ist für mich wie Familie.
Anna (zwölf): Ich weiß es nicht. Ich muss erst nachdenken.
Arthur (neun): Freundschaft ist wie ein Herz.
Grant (neun): Freundschaft ist, wenn ich jemanden mag und wenn der mit mir spielt und mich versteht.
Baris (zehn): Das ist, wenn ich jemandem vertrauen kann.
Hanan (elf): Freundschaften sind immer anders.
Jannika (elf): Mit Freunden kann man Spaß haben.
Anita (acht): Das ist, wenn ich mit jemandem spielen kann.
Amer (neun): Freundschaft ist, wenn mir andere Leute helfen.
Alex (neun): Das ist, wenn wir was zusammen machen.
Max (zehn): Freundschaft ist schön.

Quelle: Reutlinger Nachrichten

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