„Dialog“ fördert russische Migrantenkinder!

287

Tanzen, Malen und Lernen

Seit über acht Jahren existiert der gemeinnützige Verein „Dialog“. Hervorgegangen aus einer Elterninitiative, kümmert er sich heute gemeinsam mit professionellen Lehrkräften insbesondere um russische Migrantenkinder. Dabei geht es nicht nur um Spracherwerb, sondern auch um die Wahrung ihrer Kultur.
FLORA BOREK

Gülnez Weirich (links im Bild) und Galina Lerner unterrichten im Integrations- und Bildungszentrum „Dialog“ russische und ukrainische Kinder. Bild: Faden
Reutlingen. „Wir bringen vierjährigen Kindern die kyrillische Schrift bei. Dies ist das beste Alter, um damit anzufangen.“ Das mag verwundern. Doch Geschäftsführerin Galina Lerner weiß, dass es funktioniert, schließlich ist sie seit 2003 erfolgreich mit ihrem Projekt „Dialog“. Bevor der Verein gegründet wurde aus dem später das Integrations- und Bildungszentrum hervorging, traf sie sich regelmäßig mit anderen Eltern, um gemeinsam die Kinder beim Lernen zu unterstützen. „Uns war vor allem wichtig, dass unsere Kinder neben der Schule die russische Sprache nicht verlieren.“

Spielerisch lernen und lernend spielen
Anfangs waren es sechs Kinder, die sich am Wochenende gemeinsam mit den Eltern zum Russisch Lernen trafen. Daraufhin kamen immer mehr Interessierte hinzu, um unter anderem neben der lateinischen Schrift auch die kyrillische zu erlernen. „Kindern fällt es nicht schwer, kyrillisch und lateinisch zu vereinbaren“, erklärt Lerner. Spielerisch brachten sie den Sprösslingen bei, mithilfe von Buchstabenwürfeln Wörter zu bilden. Die Eltern sahen rasch Erfolge: „Die Kinder waren in der Lage, in der ersten Klasse zu lesen, zum Teil besser als ihre deutschen Mitschüler“, so Lerner. Als sich auch noch herausstellte, dass eine Mutter Englischlehrerin war, konnten die Eltern ihr Angebot erweitern und neben Russisch auch Englischunterricht anbieten.

Im Jahre 2003 war die Gruppe mit 25 Kindern so groß geworden, dass aus der ursprünglichen Elterninitiative heraus ein eingetragener Verein wurde: „Wir kannten diese Struktur nicht, der einzige Verein in Russland war die Kommunistische Partei.“ Trotzdem läuft die kleine, ständig wachsende, Organisation in der Ringelbachstraße 195. Inzwischen sind 27 Lehrer dabei, die den Kindern neben Russisch und Englisch auch Tanzen oder Musik beibringen. Unter ihnen sind neben Russen und Russinnen auch Ukrainer und Ukrainerinnen. „Was uns verbindet, ist unsere Kultur“, meint Gülnaz Weirich, die aus Kirgisistan stammt und als Studentin der Erziehungswissenschaften den „Dialog“ unterstützt.

.Um diese Kultur so gut wie möglich zu erhalten, setzen sich alle ehrenamtlich ein, um am Wochenende von Freitag bis Sonntag über 240 Kinder zu lehren. Die meisten Lehrer können nicht an deutschen Schulen unterrichten, weil ihnen die entsprechende Zulassung fehlt: „Ein im Ausland erworbenes Diplom ist ohne Weiterbildung in Deutschland kaum etwas Wert“, bemerkt Lerner. Beim „Dialog“ haben sie dennoch die Möglichkeit, ihrer Berufung nachzugehen – gegen eine geringfügige Gage. Fast die gesamten Einnahmen durch die Kursgebühren gehen an die Lehrer, für mehr bleibt nicht viel übrig. „Bis vor einem halben Jahr konnten wir nicht einmal die Verwaltung finanzieren“, sagt Lerner.
Not macht erfinderisch: Zum Beispiel findet nun eine Putzaktion in den Räumen des „Dialogs“ statt: Alle putzen gemeinsam die Räume und für die Kinder gibt es als Ansporn etwas gewinnen. Doch auch die Eltern engagieren sich: Wenn die Technik hin und wieder ausfällt, ist immer ein hilfsbereiter Vater zur Stelle. Bei „Dialog“ müssen sich alle engagieren, damit es funktioniert, aber an Motivation mangelt es nicht. Inzwischen können sich die Schüler/innen ihre Leistungen zertifizieren lassen, Russisch kann mit A2, B1 oder B2 abgeschlossen werden und sogar Deutsche nehmen das Angebot wahr.

„Ich möchte die Bildung weitergeben, die wir auch meinen Kindern ermöglicht haben“, erläutert Lerner ihre eigene Motivation. Alle Kinder aus der ursprünglichen Elterninitiative gehen inzwischen aufs Gymnasium. Lerner ist davon überzeugt, dass die gemeinsamen Lernstunden am Wochenende den Schülern zur Entwicklung eines logischen Denkens verholfen haben.

Und was motiviert die Kinder? „Wenn sie in der Lage sind, ein russisches Gedicht unterm Weihnachtsbaum vorzutragen, dann gibt’s mehr Geschenke von Oma“, nennt sie ein ganz pragmatisches Argument. Und später werden sie es vielleicht aus anderen Gründen nicht bereuen, dass sie sich im Kindesalter um ihre Kultur und ihre Muttersprache gekümmert haben.

 03.05.2011 – 08:30 Uhr

Quelle: Tagblatt 03.05.11

Loader Wird geladen...
EAD-Logo Es dauert zu lange?
Neu laden Dokument neu laden
| Öffnen In neuem Tab öffnen

Herunterladen [92.51 KB]