Ein Kribbeln wie bei der ersten Liebe

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Ein Kribbeln wie bei der ersten Liebe

VON ANDREAS DÖRR
REUTLINGEN. Leibwächter, die zu viel reden, taugen nichts. Von daher hat Rudolf den idealen Job, weil der 11-Jährige eher zu den Ruhigen zählt: Bodyguard des Königs entspricht seinem Naturell. Und viel Text lernen muss er auch nicht. »Ich steh’ einfach nur rum.« Beschützen, nicht quatschen.

Wörter müssen gekauft werden. Aber wer kein Geld hat, hat nichts zu sagen. FOTO: TRINKHAUS

Rudolf ist einer von mehr als 50 Kindern zwischen acht und zwölf Jahren, die derzeit in den Räumen des Vereins Dialog in der Ringelbachstraße für ihren großen Auftritt am Samstag, 1. Juni, 11 und 15 Uhr im LAG-Theater-Pädagogik-Zentrum in der Heppstraße 99 proben.

»Es gibt ein Land, in dem die Menschen fast gar nicht reden.« Mit diesem Satz beginnt das Bilderbuch »Die große Wörterfabrik« von Agnès de Lestrade, das dem Theaterprojekt »Spielend Sprechen« zugrunde liegt.

Die Idee: »Man muss die Wörter kaufen, um sie aussprechen zu können. Wer kein Geld hat, hat nichts zu sagen. Im Theaterprojekt spinnen Kinder mit und ohne Migrationshintergrund den Faden weiter«, sagt Monika Hunze von der Reutlinger Dependance der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Theaterpädagogik Baden-Württemberg. »Was ist sonst noch alles möglich in einem Land, in dem das Sprechen Geld kostet und Worte deshalb kostbar sind? Kaum ein anderer Stoff wäre passender, um Kindern spielerisch die deutsche Sprache näher zu bringen.«

»Was ist alles möglich in einem Land, wo das Sprechen Geld kostet?

Das Theaterprojekt ist eine Kooperation der LAG-Theater-Pädagogik, dem Verein Dialog und der Hohbuchschule Reutlingen in Zusammenarbeit mit dem Landestheater Tübingen und der Stadt Reutlingen. »Es ist Teil des Förderprogramms ›Kultur macht stark! Bündnisse für Bildung‹«, sagt Monika Hunze, die das Projekt mit rund 20 000 Euro beziffert – ein Projekt, das auf viele Schultern verteilt werden muss.

Pädagogen und Pädagoginnen des Vereins Dialog, die freie Theaterpädagogin Ulrike Tilke und der Theaterpädagoge Volker Schubert vom LTT sowie diverse Jugendliche, die als Regieassistenten fungieren und die sich in den Mittagspausen um die Kinder kümmern, gehören zum Team. »20 Betreuer sind beteiligt«, sagt Galina Lerner, Geschäftsführerin des Vereins Dialog und verantwortlich für die Gesamtorganisation.

Zu den Kindern, die während der gesamten Pfingstferien proben, gehören auch Katja (11) und Veronique (12). Katja ist zum zweiten Mal dabei und wie bei der Premiere im vergangenen Jahr fiebert sie dem 1. Juni entgegen. »Ich mag Theaterspielen, auch wenn es langweilig werden kann, wenn man nur einen kleinen Auftritt hat.« Sie selbst hat eine tragende Rolle. »Ich spiele eine Besserwisserin. Mehr wird nicht verraten.«

Auch Veronique, die von dem Projekt im Internet gelesen hat und die von ihrer Mutter jeden Tag von Balingen nach Reutlingen gefahren wird, ist mit Feuereifer dabei. Sie spielt eine »Wort-Dienerin«, ohne mehr zu sagen. »Das Geheimnis wird bei der Aufführung gelüftet.«

Geprobt wird in zwei Gruppen von 9 bis 16 Uhr. Vom Bühnenbild bis zu den Kostümen und den Requisiten basteln die Kinder alles selber. Trotzdem bleibt Zeit für andere Hobbys. »Nur joggen will ich abends nicht mehr«, sagt Katja. Logisch, dass bei so viel Engagement die Energiespeicher aufgeladen werden müssen. »Die Küche ist hervorragend. Viel besser als das, was wir in unsere Schulmensa bekommen«, sagt Veronique.

»Es ist ein kreatives Brodeln, eine schöne Erfahrung«

Ins Schwärmen gerät auch der Theaterpädagoge Volker Schubert, der vor ein paar Jahren ein vergleichbares Projekt in Tübingen in Szene gesetzt hat. Als in Reutlingen ähnliche Pläne auf dem Tisch lagen, wurde er gefragt, ob er sich eine Mitarbeit vorstellen kann.

Was fasziniert ihn an der Theaterarbeit mit Kindern? »Es ist ein kreatives Brodeln, eine schöne Erfahrung, wenn man sieht, wie sich die Kinder entfalten. Mit Kindern, also mit Theaterlaien zu proben, ist jedes Mal wie mit der ersten Liebe« – mit Kribbeln im Bauch und der heißen Hoffnung, dass alles glatt über die Bühne geht. »Es ist aber auch eine Gratwanderung. Man muss den Kindern einerseits Grenzen setzen. Andererseits müssen sie Grenzen überwinden, damit sie sich entwickeln können. Die Kinder betreten Neuland. Dabei dürfen wir sie nicht überfordern.«

Von Überforderung ist bei Rudolf, Veronique und Katja nichts zu spüren. Nach dem Interview wird weiter an den Kulissen gebastelt, ehe es um 11 Uhr eine zehnminütige Pause gibt.

Und vielleicht werden sie die Arbeit am Theater später einmal hauptberuflich machen. Volker Schubert würde ihnen vermutlich dazu raten: »Theaterpädagoge ist der tollste Beruf, den ich mir vorstellen kann.«

Quelle: GEA
 
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LAG-Theater-Pädagogik

Theaterprojekt »Spielend Sprechen« LAG-Theater-Pädagogik

FOTO: Gerlinde Trinkhaus