Integrationsprojekt der Theater-LAG bringt Kinder spielend zum Sprechen

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Tanzeinlagen und Schlaghölzer, leergemampfte Kühlschränke und das falsche Speiseeis: Im Integrationsprojekt „Spielend Sprechen“ erzählen Kinder ihr eigenes Theatermärchen.

MARTIN TRÖSTER
Mit einfachen Mitteln und gerade darum so wirkungsvoll bringen die Kinder vom Integrationsprojekt ihre Märchengestalten auf die Bühne.Bild: Haas
Reutlingen. Wanjuschka hat es wahrlich nicht leicht. Er muss seine faulen Geschwister durchbringen und erhält zum Dank nur Hohn und Spott. In den gefährlichen Wäldern Russlands trifft er dann die komischsten Gestalten: einen Nimmersatt etwa oder einen Kerl mit kaltem Atem, der mit einem Hauch alles in Eis verwandeln kann. Doch die Außenseiter erweisen sich als wichtige Verbündete, wenn es um die Hand der Zarentochter geht. Die bekommt nämlich nur, wer mit einem Schiff geflogen kommt und immer neue, schwierigere Aufgaben lösen kann.

Soviel zur Geschichte. Wie die Kinder im Theaterprojekt „Spielend Sprechen“ das russische Märchen vom fliegenden Schiff erzählen und am Samstag im Reutlinger Theaterpädagogikzentrum in der Heppstraße aufführten, ist eine ganz andere: Da hat die Familie den Nimmersatt verstoßen, weil er – ein typisches Märchenmotiv – den Kühlschrank seiner armen Familie leergemampft hat. Der Kerl mit dem kaltem Atem hat dagegen seine Familie eher aus Versehen zu Eis zerhaucht – er hat einfach das falsche Speiseeis gegessen. Ganz eigene Deutungen also, die mit der Vorlage von Alexander Afanassjew nicht mehr viel zu tun haben.

Und genau das war auch beabsichtigt: Die im Durchschnitt etwa 10-jährigen Kinder mit und ohne Migrationshintergrund sollten während der Pfingstferien den Stoff selbst weiterentwickeln.

Integrationskönig
Fußball spielt mit
„Wir haben dabei versucht, in der Erfahrungswelt der Kinder anzusetzen“, sagt Monika Hunze von der Landesarbeitsgemeinschaft Theaterpädagogik Baden-Württemberg, die die Veranstaltung zusammen mit dem Verein Dialog leitete. Auf dieser Grundlage sollten die Kinder lernen, „Dialoge zu entwickeln, sich das zu merken und dann zu wiederholen. Es ist wichtig, dass sie das üben,“ so Hunze. Das gelte natürlich besonders für Migrantenkinder.
Der Schwerpunkt des Projektes lag daher auf der Sprache. Theater bewege Kinder, sich darzustellen, sich etwas zuzutrauen. „Man unterschätzt völlig, was das für die Kinder bedeutet,“ betont Hunze. Der Ideenreichtum, aber auch der Andrang von insgesamt 48 Kindern war dabei so groß, dass gleich zwei Geschichten zur Aufführung kamen, eine am Samstagvormittag, eine am Nachmittag.

Doch nicht nur die Dialoge, auch die Tanzeinlagen mit Schlaghölzern, zu Schlagerpop und Dance-Gewummer, zeugen mehr von der persönlichen Erlebniswelt der Kinder als von der Rahmenhandlung der russischen Märchenwelt. Passend zur eben eröffneten Europameisterschaft fügte sich folgerichtig auch der Integrationskönig Fußball in Wanjuschkas Abenteuer ein: Wenn sich zwei Schauspieler für dieselbe Rolle auswechselten, klatschten sie sich ab. Und als Wanjuschkas Kumpan Nimmersatt in einer fiesen Zarenprobe 40 Kuchen, 40 Fässer Wein und noch viel mehr vertilgen musste, grölten die Freunde mit den außergewöhnlichen Fähigkeiten „Einer geht noch, einer geht noch rein.“
Volker Schubert, Theaterpädagoge und einer der künstlerischen Leiter des Projektes, sagt: „Die Kinder stellen dabei aber auch sehr grundlegende Fragen, etwa, ob eine nützliche Gabe wie der kalte Atem nicht auch eine große Behinderung sein kann.“

Die gewählte Szenerie unterstrich den modernistischen Ansatz: Kulissen fehlten völlig, alles konzentrierte sich auf das Spiel der Kinder. Die waren ganz in Schwarz gekleidet und mimten sogar die Bäume selbst.

Viele Kinder mit
russischen Wurzeln
Dass die Stückwahl auf ein russisches Märchen fiel, war kein Zufall: „Die meisten Kinder mit Migrationshintergrund, die hier mitspielen, haben russische Wurzeln“, so Schubert. Das goldene Schiff bot sich laut Schubert an, weil es den Zusammenhalt von sehr unterschiedlichen Freunden betonte. „Der Verfasser steht außerdem für den Gedanken einer russisch-europäischen Verbindung. Das passte einfach.“

Ihm hat die Arbeit mit den Kindern, deren Eltern aus insgesamt acht Ländern kommen, sichtlich Spaß gemacht: „Das Schöne an der Arbeit mit Kindern ist, dass sie noch nicht so viel Angst haben, etwas falsch zu machen. Erwachsenen muss man erst beibringen, wieder Kind zu sein, sich zu öffnen und einfach zu spielen. Schon viele Jugendliche, mit denen ich zusammenarbeite, haben dieses Erwachsensein total verinnerlicht.“

Quelle: Tagblatt

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