Migranten sind Bildungsakteure

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Mit den richtigen Informationen können Eltern von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund ihren Nachwuchs unterstützen: in der Schule, im Umgang mit Medien und bei der Auswahl eines Sportvereins.

Ein Gespräch mit Lusine Minasyan, Koordinatorin des Projektes ELAN II, initiert vom Fachdienst Jugend, Bildung, Migration (FJBM) der BruderhausDiakonie. Mit Jutta Goltz, Sozialwissenschaftlerin am Tübinger Institut für Erziehungswissenschaften und mit Galina Lerner, verantwortlich für alle Bildungsaktivitätender Projekte ELAN I und II und Geschäftsführerin des Reutlinger Integrations- und Bildungszentrums „dialog“.
Y Der FJBM der BruderhausDiakonie arbeitet seit 2009 intensiv mit Reutlinger Migrantenorganisationen zusammen. Daraus sind die Projekte ELAN I und das Folgeprojekt ELAN II hervorgegangen. Was ist das Ziel?
Jutta Goltz: Schulen klagen über schlecht besuchte Elternabende, in der Jugendhilfe werden zugewanderte Familien als Problemfälle ausgemacht, Kindergärten berichten von Erziehungsdifferenzen. Über die Kooperation des Fachdienstes mit bestehenden Migrantenorganisationen sollen Zugänge zu Eltern und Kindern geschaffen werden. Schwerpunkt ist die Elternbildungsarbeit in Migrantenorganisationen. Sei es direkt mit Eltern in Elterncafés, in Vater-Söhne- Gruppen oder bei Frauengruppentreffen. Der Fachdienst organisiert Bildungsreihen oder Workshops mit kooperierenden Bildungseinrichtungen wie der Reutlinger Kulturwerkstatt oder Fortbildungen für Lehrer oder pädagogische Fachkräfte an Schulen.
Y Welche Migrantenorganisationen sind das, und wie gewinnt man sie für Kooperationen?
Galina Lerner: Das sind zum Beispiel die Initiative „Sisters“ mit Frauen aus Afrika, eine Elterninitiative „Kurdische Eltern aus dem Irak“, der deutsch-türkische Kultur- und Integrationsverein, der kurdische Kulturverein, der türkische Integrationsverein und der Verein dialog. Es ist nicht einfach, aber im Team des Fachdienstes arbeiten Mitarbeiter mit einer eigenen Migrationsbiografie. Sie sprechen ausgewählte Schlüsselpersonen dieser Organisationen direkt an, und in vielen Gesprächen wird Vertrauen aufgebaut. Jutta Goltz: Unsere Begleitstudie bei den Tübinger
Erziehungswissenschaften zeigt, dass es für diese Schlüsselpersonen wichtig ist, sich von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Fachdienstes coachen zu lassen. Gemeinsam werden neue Ideen entwickelt. Schlüsselpersonen erleben sich selbst als aktiv Gestaltende, sie werden mittlerweile von den Kooperationspartnern als Experten angesprochen und erleben das als Ermutigung und Empowerment (Übertragung von Verantwortung, Anmerkung Redaktion). Oft sind Frauen durch ihre Erfahrung als Schlüsselperson auch ermutigt, sich selbst beruflich weiter zu orientieren und eine Ausbildung aufzunehmen.
Lusine Minasyan: Unsere Schlüsselpersonen fragen in den Migrantenorganisationen nach, ob und welches Interesse für Vorträge oder Schulungen besteht. Dann organisieren wir diese Schulungen, stellen Räume zur Verfügung und helfen auch bei der Kinderbetreuung mit. Ein Schwerpunkt im Projekt ELAN II liegt auf Schulungen, die den Umgang mit Medien im Fokus haben. Dafür kooperieren wir mit Bildungseinrichtungen, zum Beispiel mit der Reutlinger „Kulturwerkstatt“. Als nächstes findet beispielsweise ein Workshop für Eltern statt, die mehr darüber wissen wollen, was ihre Kinder auf Facebook so machen. Y Woher wissen Sie, welche Schulungen Eltern von Migrantenkindern interessieren?
Galina Lerner: In enger Absprache mit der Kulturwerkstatt gehen wir mit verschiedenen Themen in die Migrantenvereine und -organisationen und machen Vorschläge.
Y Und wenn die Migranteneltern Interesse für Facebook bekunden …
Lusine Minasyan: … dann laden wir, der Fachdienst Jugend, Bildung, Migration, einen Referenten zu Facebook ein. Wir stellen Räume, Beratung, Kopiergeräte, Flyer und anderes zur Verfügung. Die Schlüsselpersonen informieren und werben für die Veranstaltungen: Meist sind es Frauen, die solche Schulungen am Wochenende besuchen. Wir kümmern uns auch darum, dass die Kinder in dieser Zeit betreut werden.
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