Spielend sprechen lernen

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Von Norbert Leister
REUTLINGEN. Manche der Acht- bis Zwölfjährigen schauen ihre Kontrahenten an, als ob sie ihnen gleich ins Gesicht springen wollten. Andere Kinder können sich hingegen das Lachen nicht verkneifen. Doch das ist falsch, passt nicht zum Theaterstück. Regisseur Volker Schubert fordert die Kinder auf, mehr Wut zu zeigen, viel mehr Wut, unglaublich viel Wut.

Manche können’s gleich, andere müssen’s lernen: Wut zeigen. FOTO: Norbert Leister

Und schließlich schleicht sich auch in das letzte Gesicht dieses zornige Gefühl, drohende Fäuste werden geschwungen, Tritte in den Bauch angedeutet – es geht kräftig zur Sache bei diesen Proben. Und der Titel offenbart, worum es sich in dem von den Kindern selbst entwickelten Stück: »Donner-Drummel im Großstadt-Dschungel«. Die Idee, eine Räubergeschichte in eine große Stadt zu verlegen, »die stammt von Marie«, betont Schubert.

Selbst gestaltetes Stück

Auch in der zweiten Gruppe bei diesem Theaterprojekt in den Pfingstferien war eine Räubergeschichte Grundlage für das selbst gestaltete Stück. »Das spielt allerdings in einem Wald«, erläuterte LAG-Geschäftsführerin Monika Kunze. In dem Forst geht es aber nicht minder einfallsreich zu, Fantasiegeschöpfe wie »Wildruten« spielen eine bedeutende Rolle. »Genau das macht den Reiz dieser Arbeit aus«, sagt Volker Schubert vom Landestheater Tübingen (LTT) der zusammen mit der Theaterpädagogik-Kollegin Ulrike Tilke die künstlerische Leitung dieser Pfingstfreizeit übernommen hat. »Egal, was man vorgibt, es kommt bei zwei unterschiedlichen Gruppen immer was anderes hinten raus.« Das war im vergangenen Jahr bei der gleichen Pfingst-Theater-Freizeit so. Und im Jahr davor auch.

Die Kooperation zwischen den Trägern der LAG-Theater-Pädagogik BW, Dialog e.V. und der Hohhbuchschule hat sich also bewährt. Aufgegriffen wurde die Idee einst von Monika Kunze. »Es gab so was ja schon in Tübingen mit Volker Schubert«, sagt die LAG-Theaterfachfrau. Und wenn das in der Universitätsstadt funktionierte, »warum nicht auch in Reutlingen?« Gesagt, getan, ein Anruf bei Sultan Braun, der Migrationsbeauftragten der Stadt, brachte den Verein Dialog ins Spiel, Bürgermeister Robert Hahn und die Stadt unterstützen das Integrationsprojekt (auch monetär) zusammen mit GWG und Kreissparkasse. Einen zweiten Teil finanziert die »Bundesvereinigung kulturelle Kinder- und Jugendbildung«.

Das Konzept hatte offensichtlich alle überzeugt: weil Kinder mit Migrationshintergrund durch dieses Medium Theater »spielend sprechen« lernen – so wie das Motto des Projekts es vorab schon verrät.

Mit von der Partie sind auch in diesen Pfingstferien wieder die Lehrkräfte von Dialog e.V., »dabei handelt es sich fast ausnahmslos um Lehrer, deren Studium in Deutschland nicht anerkannt wird«, erläutert Dialog-Geschäftsführerin Galina Lerner. Der Verein, der im bildungs- und freizeitpädagogischen Bereich tätig ist, »wurde ursprünglich als Elterninitiative gegründet, mit der Absicht, dass ihre Kinder die russische Heimatsprache nicht verlernen«, so Lerner. Innerhalb der vergangenen zehn Jahre hat sich der Verein weiterentwickelt, das Programm umfasst mittlerweile auch Englisch für den Beruf, künstlerische und musikalische Angebote. »Und die Teilnehmer kommen nicht mehr allein aus dem russischsprachlichen Raum, auch Arabisch und Türkisch sprechende Kinder sind dabei und natürlich auch deutsche«, betont die Vereins-Chefin. Innerhalb der ersten Woche der Pfingstferien haben die 50 Kinder zusammen mit den Theaterpädagogen Schubert und Tilke die beiden Stücke spielerisch entwickelt, zwischen 9 und 16 Uhr gab es aber auch immer ausreichend Räume zur Entspannung, zum Basteln, Toben, Spielen.

Jetzt in der zweiten Woche haben Dialog-Lehrkräfte, jugendliche Helfer und die Theater-Profis zusammen mit den Kindern die Stücke einstudiert und weiter entwickelt, am Samstagvormittag werden beide Gruppen die Ergebnisse mit Aufführungen präsentieren. Und eins dürfte dann wohl klar sein – die Kinder, die diese Erfahrungen mitgenommen haben, werden wohl auch im kommenden Jahr wieder dabei sein.

Quelle: GEA