Spielend Sprechen: »Richtig aufgeblüht«

297

Reutlingen

03.06.2013 – 07:20 Uhr

Theaterpädagogik – Kinder im Alter von acht bis zwölf Jahren haben im Projekt »Spielend Sprechen« unter Anleitung Stücke entwickelt und auf die Bühne gebracht

Spielend Sprechen: »Richtig aufgeblüht«

Von Christoph B. Ströhle

REUTLINGEN. »Genug der Worte«, sagte der Theatermann Volker Schubert im LAG-Theaterpädagogik-Zentrum, nachdem allen Projektbeteiligten gedankt und die Premiere des ersten Stückes ausgiebig bejubelt worden war. »Party!«, riefen die Kinder, die eben noch als König, Fabrikarbeiter, Friseurin, Wortdesigner oder sprechende Katze auf der Bühne gestanden hatten, und stürmten hinüber zum Büffet – fröhlich und allenfalls ein bisschen traurig darüber, dass das zweiwöchige Theaterprojekt nun fast schon zu Ende war.

Was nichts kostet, ist nichts wert, meint der König im Stück »Wortlos« und verfügt, dass Worte teuer erkauft werden müssen. FOTO: Christoph B. Ströhle

50 Kinder im Alter von acht bis zwölf Jahren haben am Projekt »Spielend Sprechen« teilgenommen, das – als Teil des Förderprogramms »Kultur macht stark! Bündnisse für Bildung« – die Kooperationspartner LAG Theaterpädagogik, der Verein Dialog und die Hohbuchschule Reutlingen in Zusammenarbeit mit dem Landestheater Tübingen (LTT) und der Stadt Reutlingen in den Pfingstferien anboten, wobei das Ziel lautete, Kinder mit und ohne Migrationshintergrund sprachlich und als Persönlichkeiten zu fördern.

»Mein Kind ist richtig aufgeblüht in diesen zwei Wochen«, berichtete Nathalie Ebers. Die Mutter, deren erste Sprache Russisch ist, hatte, aus Böblingen kommend, für ihre Tochter Veronique einen der begehrten Plätze beim Projekt ergattert. Ursprünglich habe sie nach einem Angebot gesucht, bei dem die Tochter spielend die russische Sprache lernen könne, sagte sie. Vom Reutlinger Ansatz, die kommunikativen Fähigkeiten von Migrantenkindern und Kindern deutscher Eltern gemeinsam durch Theaterarbeit in deutscher Sprache zu schulen, zeigte sie sich hellauf begeistert. »Das findet man nirgendwo besser.«

Veronique, die im Stück »Wortlos« nach dem Bilderbuch »Die große Wörterfabrik« von Agnès de Lestrade und Valeria Docampo eine »Wortdealerin« spielte, bedauerte, dass sie nächstes Jahr schon zu alt sein wird. »Ich fänd’s toll, wenn es so ein Projekt auch für Ältere gäb’. Es hat unheimlich viel Spaß gemacht. Ich würde jederzeit wieder mitmachen.« Lob verteilte die Zwölfjährige ans Betreuerteam: »Die haben uns das Theaterspielen spaßig beigebracht.« Wie man vor Publikum laut und deutlich sprechen und mit dem Zwerchfell die Stimme stützen könne, sei bis zuletzt fleißig geübt worden.

»Da war kein Verhaspeln, war keine Hektik«

Ein besonderer Moment war am Freitag die Generalprobe, bei der sich die beiden Gruppen die nach anfänglichen Improvisationen selbst entwickelten Stücke gegenseitig vorspielten. Volker Schubert, Theaterpädagoge am LTT, der wie seine freiberuflich arbeitende Kollegin Ulrike Tilke mit Pädagoginnen des Vereins Dialog eine Gruppe mit je 25 Teilnehmern betreute und die Regie übernahm, hatte als Erklärung vorausgeschickt, dass es »nicht wie in der Schule oder im Sport einen Ersten und Zweiten gibt oder richtig und falsch, sondern sowohl als auch. Das haben die Kinder gespürt. Sie sind mit ein und demselben Stoff, der Geschichte um die Wörterfabrik, ganz unterschiedlich umgegangen, haben eigenständig Figuren, Situationen, Atmosphären und kleine Binnengeschichten entwickelt und beim Betrachten die Parallelen gesehen.«

Als »Experten, die sich zehn Tage mit der Materie beschäftigt hatten«, hätten sie äußerst aufmerksam zugesehen und zugehört, so Schubert. Kleine Choreografien, die im Stück »Wortlos« mit Wort-Keschern und Masken daherkamen, sowie Musikeinlagen ergänzten die Wortszenen, in denen es um einen König ging, der verfügt hatte, dass Wörter Geld kosten sollen. Dass er damit viele seiner Untertanen zur Wortlosigkeit verdammte, bedachte er nicht. Während der Schwarzmarkt mit gefälschten Wörtern boomte und der Wortdiebstahl um sich griff, blieb im Leben der Menschen vieles auf der Strecke. Denn wie sagt man der Friseurin ohne Worte, wie sie die Haare schneiden soll? Wie teilt man seine Träume mit? Und wie soll Paul Marie offenbaren, dass er sie gern hat? Mit Witz und Tempo haben die jungen Darsteller die Geschichte aufgelockert.

»Beeindruckend, wie konzentriert die Kinder bei der Sache waren. Da war kein Verhaspeln, keine Hektik. Die Texte waren einwandfrei gesprochen«, lobte Angelika Mehnert, Schulleiterin der Hohbuchschule, nach der Premiere. Beim Schulfest am 19. Juli soll eines der Stücke noch einmal aufgeführt werden. Mit einem Schnuppervormittag hatte die Schule im Vorfeld Interesse für das Theaterprojekt geweckt und zum Mitmachen motiviert. Aus der Hohbuchschulküche wurden die Akteure täglich mit warmem Mittagessen beliefert. (GEA)

Quelle: GEA

Loader Wird geladen...
EAD-Logo Es dauert zu lange?
Neu laden Dokument neu laden
| Öffnen In neuem Tab öffnen

Herunterladen [77.49 KB]